Pauls Pilotentipps

#6: Aktives Fliegen mal anders: Pauls Marionettentheater...

von Marc Niedermeier (Kommentare: 3)

In der A-Lizenz-Ausbildung hören wir als angehende Piloten immer wieder diese Zauberformel: "Zum Fliegen in unruhiger oder gar turbulenter Luft musst du aktiv fliegen können!"

Ach ja? Was tue ich denn da die ganze Zeit – ich stehe morgens in aller Frühe aktiv auf, laufe mit meiner Ausrüstung aktiv und brav hinter dem Fluglehrer her, beteilige mich aktiv an jeglicher Möglichkeit alles über das Fliegen zu erfahren, begebe mich aktiv in die Luft und verharre nicht gerade passiv im Gurtzeug, bis mich der Landeplatz-Fluglehrer sicher auf den Boden zurückbringt. Also, was fehlt? Und wie kann ich mir das vorstellen?

Zuerst einmal ist es wichtig zu verstehen, was in unruhiger Luft mit unserem Gesamtsystem "Gleitschirm mit Pilot unten drunter" passiert:

YouTube-Clip
Eine Übung, die sogar Spaß verursachen kann - einekleine Filmsequenz aus dem Kurs DT 15-15 mit Ann-Kathrin und Babette: Vielen Dank euch Beiden für die Bereitschaft, das Marionetten-Theater mitzumachen.

Fall 1: 
Fliegen wir in aufsteigende Luftmassen hinein (z. B. in eine Thermik) wird der Anstellwinkel (siehe Pauls Pilotentipps zum Anstellwinkel) erhöht. Dies geschieht hauptsächlich durch den von "unten" aufsteigenden Aufwind.

Dadurch wird unser leichter Gleitschirm über uns abgebremst – und wir als Piloten mit deutlich mehr Masse als das Stück Stoff pendeln nach vorne – mit dem Effekt, dass der Anstellwinkel weiter erhöht wird.

Die grundsätzlich richtige Reaktion: Hochführen/Freigeben der Steuerleinen – eventuell sogar bis zur Stellung des bestens Gleitens/der Trimmgeschwindigkeit.

Fall 2: 
Fliegen wir in eine Luftmasse ein, welche auf dem Weg nach unten ist – konkret wir fallen aus der Thermik raus – dann passiert genau das Gegenteil: Der Anstellwinkel wird stark reduziert, der Schirm wird schneller und nickt vor. 
Noch Schlimmer: Unser Flügel kann deutlich von oben angeströmt werden. Das mag er nun leider überhaupt nicht, der Innendruck reicht nicht, den anströmenden Luftmassen wirksam unseren aufgeblasen Flügel entgegen zu halten, er klappt einfach bauartbedingt und beleidigt ein.

Die grundsätzlich richtige Reaktion: Anbremsen des Schirms wenn er "vor nickt", so wie wir es bei der Ausleitung der Nickübung gelernt haben: Dieses "Anbremsen" kann richtig deutlich und hart notwendig werden.

Soweit so klar? 
Wieviel und wie intensiv reagiert werden muss ist nun die hohe Kunst des "aktiven Fliegens." Ja prima – und wie kann ich die erlernen?

Vorab: Keiner der beiden genannten Fälle kommt wirklich urplötzlich! Man kann dies direkt erspüren – und das mit den beiden Händen an den richtig umfassten Steuerleinen (siehe Pauls Pilotentipps zum Steuergriff)!

  • Im Fall 1 wird der Steuerdruck deutlich hart 
  • Im Fall 2 wird der Steuerdruck deutlich weich

Wenn wir im Hinterkopf noch die Grundweisheit behalten, dass der Schirm meistens "recht" hat können wir Folgendes probieren:

Wir fühlen und merken uns den Steuerdruck, welchen wir bei schulterhoch angebremsten Fliegen bei ruhigen Flugbedingungen haben. 
Und genau diesen Steuerdruck versuchen wir aufrechtzuerhalten – eben dann, wenn der Schirm den Steuerdruck erhöhen möchte und wir einfach nachgeben. Oder wenn der Steuerdruck nachlässt und wir diesen einfach durch deutliches Anbremsen auf dem bisherigen Zug belassen – und wenn nötig so schnell und hart wie möglich.

Hier kommen wir nun zu "Pauls Marionettentheater" - Eine Partner-Übung mit folgender Aufstellung: Einer setzt sich ganz normal in sein Gurtzeug (z.B. in einem Gleitschirm-Simulator) oder falls nicht vorhanden auf einen Stuhl. Der Partner stellt sich hinter ihn und hält die Steuerleinen oberhalb der Durchführungsrolle in der Hand.

Nun nimmt der sitzende Pilot die Steuerleinen soweit auf Zug, dass er den gewohnten Krafteinsatz im schulterhohen Fliegen erreicht. Der Partner fängt nun an und bewegt vorerst ganz sanft die Steuerleinen – und achtet mit drauf, dass der Steuerdruck konstant bleibt. Nach ein paar Auf und Abs wird es in der Regel gleichmäßig.

Nun kann die Übung gesteigert werden – der Partner simuliert eine Klapperankündigung durch eine deutliche Bewegung der Steuerleine nach unten – der "Pilot-Partner" muss ebenso deutlich und schnell reagieren. Umgekehrt genauso, Leinen nach oben und diese müssen unter Beachtung des gleichmäßigen Drucks freigegeben werden.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Jürgen Lenz |

Hi,
sehr schön.
Habe viel gelacht und mit Sicherheit noch das eine oder andere gelernt.
Vielen Dank für die tollen Texte :)

VG
Jürgen

Kommentar von Sandra |

Was ist mit "SteuerDRUCK" gemeint?
1) Die Steuerleine kann ja nur Zug übertragen
2) Du schreibst "Oder wenn der Steuerdruck nachlässt und wir diesen einfach durch deutliches Anbremsen auf dem bisherigen Zug belassen – und wenn nötig so schnell und hart wie möglich." Das wäre dann doch Fall 2 (Ausflug aus Thermik, Schirm schiesst vor), oder? Ich stelle mir vor, dass in diesem Fall die Hände aufgrund der Geometrie "hochgezogen" werden und man bremsen muss? Wenn die Hände "hochgezogen" werden, hört sich das eher nach zunehmendem Steuer"druck" an.
Oder spielt die Geometrie keine Rolle, der Schirm schießt vor, und die Steuerleinen werden einfach entlastet, so dass man ungewohnt weit ziehen / bremsen muss?

Kommentar von Paul Seren |

Hallo Sandra, Danke für das Mitdenken und Deine Frage: Es ist genauso wie Du es sagst: An einem Seil kann man nur eine Zugkraft spüren - und keine Druckkraft. Daher ist der Begriff des "Steuer-Drucks" leicht verwirrend: Der jeweilige Anstellwinkel des Gleitschirms zur Ansströmrichtung verursacht bei der jeweiligen Geschwindigkeit eine entsprechende "Druck"-Verteilung um die ganze Tragfläche. Das was wir über die Zugkraft der Steuerleinen spüren, ist daher genau der jeweilige Steuer"druck" an der uns tragenden Gleitschirmfläche.

Aber was passiert nun wirklich, wenn der Schirm nach vorne schießt - z.B. wenn wir aus der Thermikblase rausfliegen - und wir die Steuerleine genau auf der Höhe halten würden, wie vor dem Rausfliegen: Wird die Zugkraft nachlassen, oder wird sie zunehmen?
Die richtige Antwort ist - anders als Du es vermutet hast, dass der Zug auf den Steuerleinen nachlässt. Wenn wir jetzt nichts machen, schießt der Schirm weiter nach vorne. Wenn wir aber die Zugkraft einfach "konstant" halten, wird unser Schirm nicht wesentlich vorschiessen. Ist Hingegen das "Herausfallen" aus der Thermik sehr spontan/deftig und der Zug lässt schlagartig nach, dann MÜSSEN wir spontan/deftig und schlagartig reagieren. Das ist genau die Reaktion, welche wir bei der Nickübung mit den Flugschüler trainieren: "Zack" / "Abfangen" / "und langsam wieder die Arme nach oben führen" sind wahrscheinlich die Kommandos, welche Du noch kennst.
Deine letzter Satz/ Deine letzte Vermutung stimmt daher ganz genau!